Lars Hitzing

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        Lars Hitzing
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    Geschichten und Lyrik

     

    Mit Kurzgeschichten und Gedichten habe ich an diversen Veranstaltungen als Gastleser teilgenommen. Hier zwei Beispiele.

     

    Der alternde Dichter und das Meer


    "Niemals hätte ich gedacht, daß mir einmal mein Stift die Dienste versagen würde!", schrie der alternde Dichter, als er mit einer theatralischen Geste sein liebstes Werkzeug wütend auf den Boden warf. Der Geschmähte landete in einem Haufen zerknüllten Papiers, daß als schweigendes Monument des Phantasieverlustes im Zimmer verstreut lag. Auftragswerke hatte der alternde Dichter schon immer gehasst. Sie schränkten seiner Meinung nach zu sehr seine natürliche Inspiration ein. Bis zu jenem denkwürdigen Abend hatte er sie aber immer erledigt - mit einem schwungvoll unbekümmerten Stil und einer Routine, vergleichbar dem Erledigen des Abwaschs oder dem Rasenmähen. Nur an diesem Abend war das alles wie weggeblasen. Die Zeitung, die ihm seine Miete bezahlte, hatte für Ihre Wochenendausgabe eine "knackig-poentierte-Story" in alter amerikanischer Tradition, mit durchaus erkennbaren Bezügen zu Hemingway und Melville gefordert. Da sich Hemingways bekanntestes und Melvilles größtes Werk nur darin unterschieden, daß ein Schwertfisch kleiner als ein Wal und ein Fischerkahn kleiner als die Pequod waren, mußte sich die gewünschte Geschichte also auf jeden Fall um einen Fisch und am besten um einen alten Mann auf dem Meer drehen. Ob mit Holzbein oder ohne, also ohne ohne Bein war dabei nebensächlich. Nebensächlich war auch, was der alternde Dichter übersah – nämlich daß der Wal gar kein Fisch ist.

    Doch dieser Einwände bedürfte der alternde Dichter nicht mehr, denn er war schon so völlig aus dem Konzept geraten. Bei seinen vielen Versuchen die hohe Meßlatte zu überspringen war er lediglich ein Karl May der Meere geworden und seine Fischfangberichte waren langweiliger als bei Defoe.

    Nach Eingebung ringend schaute der alternde Dichter immer wieder auf die Uhr und mußte bei jedem Blick erschreckt feststellen, daß es wieder später geworden war. In einem Aufschrei von Hilflosigkeit griff er sich seinen Mantel, setzte den intellektuellen Hut auf den Kopf und verließ, ohne einen Blick zurück, die Schreibstube. Die kalte Abendluft weckte seine Sinne etwas. Der alternde Dichter wählte als erstes Ziel den Fluß, der die Stadt teilte, denn der bestand immerhin aus Wasser und endete auch irgendwann im Meer. Unterwegs überlegte er, ob er jetzt auch reif war, seinen letzten großen Fisch zu fangen oder sich heimlich einen Revolver zulegen sollte.

    Auf der Brücke angekommen sog er die nach Meer und Walen duftende Luft tief in sich ein und wippte in den Füßen, um sich den Blick von einem Fischkutter vorstellen zu können. Dabei bemerkte er dreierlei. Erstens, daß es gar nicht nach Wal roch, was vor allem auch daran lag, daß er gar nicht wußte wie es riechen müßte wenn es nach Wal röche, zweitens das die ganze Aktion gar nichts brachte und drittens daß vier Meter neben ihm gerade ein Mann von der Brücke sprang.

    "Natürlich, das ist es!", dachte der Dichter. "Anstatt über Fische zu schreiben, die sich töten lassen um vom Menschen gegessen zu werden, kann man doch über Menschen schreiben, die sich selber töten, um von Fischen gefressen zu werden." Als knackig pointierte Überschrift fiel dem alternden Dichter "Die Krone der Schöpfung und die Demut vor den Untertanen" ein. Er wußte auch schon fast den ersten Satz. Der alternde Dichte freute sich. Der Mann ging gerade unter. Der alternde Dichter jauchzte auf. Ihm waren die drei wichtigsten Dinge einer guten Story eingefallen – Anfang, Handlung und Pointe. Mit einem dankbaren Blick auf den davontreibenden und soeben an einen Pfeiler der nächsten Brücke schlagenden Körper machte der alternde Dichte eiligst kehrt und hastete freudig strahlend und Satzteile murmelnd seiner Wohnung zu. Als er dort anlangte bemerkte er, daß er bei seinem überstürzten Aufbruch seinen Schlüssel vergessen hatte. Und nicht nur das. Zu allem Überdruß hatte er auch sein kleines Büchlein nicht dabei. "Solche Unglücke können nur mir passieren", dachte der Dichter und tat sich wirklich leid.

    Um aber sofort mit der Arbeit beginnen zu können, begab er sich in die Kneipe um die Ecke, bestellte einen Stift, einen Stapel Servietten und mit der Zeit ein Bier nach dem anderen. Er schrieb und trank und trank und schrieb und als die Wirtin ihn vor die Tür setzte ging er schnurstracks zur Redaktion und gab seine Servietten ab.

    Leider bemerkte in den folgenden Tagen keiner die Genialität des letzten großen Werkes des alternden Dichters. Der Tote aus dem Fluß war Stadtgespräch. Und so blieb dem alternden Dichter auch die letzte, verdiente Anerkennung verwehrt.

     

     

    Sternzeit


    Starr ich in den Abendhimmel
    Fall'n mir all die Namen ein
    Wega, Deneb, Atair
    Und die Bären, groß und klein

    Perseus, Fuhrmann, die Plejaden
    Alles was ich einst erblickt
    Als ich in den Kindertagen
    In den Himmel sah verzückt

    Seh ich heute die Gestirne
    Kenn ich sie, doch fluch ich leis
    Weil die Sterne gar nicht kümmert
    Daß ich ihren Namen weiß

     

     

     


    © Thomas Eisenhuth 2011



    © Olga Sander 2016

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